Was ist eine Learning Experience Plattform und wird sie das klassische LMS ersetzen?

Traditionelle Lernplattformen bzw. Lernmanagementsysteme (Learning Management Systems, kurz LMS) kommen immer mehr aus der Mode. Sie werden den Anforderungen heutiger Arbeits- und Lernweisen nicht mehr gerecht und ihre Technologie ist oft veraltet und entspricht nicht mehr dem, was Angestellte abseits ihres Arbeitsplatzes gewohnt sind.

Laut George Elfond, dem Mitgründer und CEO der Intelligent Workforce Engagement-Lösung Rallyware, haben die unterschiedlichsten Faktoren zu diesem Trend beigetragen:

  • Zunehmend dezentral arbeitende Belegschaften
  • Die Verbreitung mobiler Technologien
  • Ein Generationenwechsel unter den Arbeitskräften, z. B. durch Millennials, die an digitale Lernmethoden gewöhnt sind und diese auch zunehmend nutzen möchten.

An dieser Stelle kommen „Learning Experience“-Plattformen (LXP) ins Spiel, neuartige Lösungen, die parallel zu einem LMS eingesetzt werden können und Lernangebote für Unternehmen in einer Art Netflix-Stil präsentieren.

Wir haben uns mit einigen E-Learning- und Lernmanagement-Experten unterhalten, um mehr darüber zu erfahren, welche Probleme es aktuell mit LMS gibt und wie Lernerfahrungsplattformen das Lernen im Arbeitsumfeld wieder attraktiver gestalten können.

Frage: Sind traditionelle Learning Management Systems für das Lernen in Unternehmen noch geeignet und wenn nein, warum nicht?

Elfond: „Traditionelle LMS erzwingen durch bestimmte Mechanismen in hochstrukturierten Umgebungen und Lernprozessen die Teilnahme. Der Ablauf ist dabei immer derselbe: Nach einem langatmigen Tutorial folgt ein Quiz, um das Verständnis zu überprüfen.“

John Findlay, Mitgründer des Schulungsunternehmens Launchfire und der Lernplattform Lemonade: „Eine der häufigsten Beschwerden von Experten und Bereichsleitern lautet: Das LMS ist nicht attraktiv genug, um Angestellte dazu zu bringen, auch nicht obligatorische Schulungen zu machen. In vielen Fällen kann die Personalabteilung das LMS nicht wechseln, da sie sich durch hohe Ausgaben an ein langfristiges Angebot gebunden hat. Geschäftsinhaber und Fachleute müssen also versuchen, ihre Geschäftsziele mit einem Tool zu erreichen, das nicht richtig funktioniert.“

Mika Kuikka, Inhaber des Unternehmens für digitale Lerntechnologie Valamis: „Herkömmliche LMS setzen Angestellten oft eine riesige Menge an Inhalten vor, was es schwierig macht, wirklich relevante Inhalte zu finden. Das verschlechtert das Nutzererlebnis erheblich und die Angestellten sind kaum motiviert, sich mit Inhalten zu beschäftigen, solange sie nicht als verpflichtend präsentiert werden oder für Compliance-Zwecke erforderlich sind.“

Tara O’Sullivan, Chief Creative Officer (CCO) beim E-Learning-Anbieter Skillsoft: „Lernmanagementsysteme können wichtige Aufgaben der Mitarbeiter zusammenführen und verfolgen, die für das Personalmanagement erforderlich sind, um die Fertigkeiten ihrer Angestellten und Teams zu optimieren. Dabei geht es um die unterschiedlichsten Fähigkeiten von der Rekrutierung bis zur Buchhaltung. Damit ein LMS erfolgreich ist, muss es die Lücken zwischen den Fertigkeiten und Kompetenzen schließen, die die Betreffenden brauchen, um besser in ihrem Job zu werden, und zwar jeweils vor dem Hintergrund dessen, was aktuell erreicht werden soll. Die Aufgabe besteht darin, Unternehmen auf die Zukunft vorzubereiten und die Performance messbar zu verbessern.

Frage: Welche neuen Learning Experience-Modelle entstehen (oder werden entstehen), die herkömmliche Lernmethoden und LMS ersetzen können?

Elfond: „Wer neue Lernmodelle entwickelt, muss genau verstehen, wie moderne Angestellte lernen und mit ihren Unternehmen interagieren. Zum wirklichen Lernen gehört aktive Beteiligung, nicht bloß passive Teilnahme. Die Lernenden von heute müssen die Möglichkeit haben, in ihrem eigenen Tempo zu lernen und selbst aus verschiedenen Lernmodulen und spaßigen Übungen auszuwählen. Anstelle von langatmigen Trainingsmodulen, die immer mit einem Quiz enden, sollten die Trainingsmodule auf Mikrolernaktivitäten basieren, kleinen, verständlichen Informationshäppchen, die die Motivation fördern.“

Zvi Guterman, CEO bei CloudShare, sagt: „In Zukunft werden Unternehmen allen Angestellten eine persönliche Lernerfahrung bieten, die sich nach Bedarf aus unterschiedlichen Schulungsarten und -formaten zusammensetzt, angepasst an den Zeitpunkt, das Dienstalter, der Hintergrund und die Erfahrung der entsprechenden Personen. Wir können davon ausgehen, dass dies durch die Einführung von künstlicher Intelligenz vereinfacht wird, die beobachtet und lernt, was jeder Angestellte braucht und worauf sich jeder konzentrieren sollte.“

O’Sullivan: „In der vielbeschäftigten Welt von heute wollen Lernende Inhalte schnell finden, Themen in unter 5 Minuten abschließen und zu ihrem Kurs zurückkehren, wo und wann auch immer sie wollen. Wir nennen das Mikrolernen: Lerneinheiten von 3-5 Minuten. In manchen Bereichen, zum Beispiel bei digitalen Fertigkeiten, braucht man sogar noch weniger Zeit. Wer herausfinden will, wie man in Excel eine Pivot-Tabelle erstellt, braucht keine 5 Minuten, sondern eher 20 gut genutzte Sekunden. Genau das nennt man Nano-Lernen: Auf kleinste Häppchen reduzierte Videos, die Schulungen in zielgerichtete Informationshappen verpacken und an den Empfänger bringen. Diese Videos sollten auf jedem Gerät verfügbar sein, auf dem Online-Schulungsvideos angezeigt werden können. So können Mitarbeiter Qualifizierungslücken schließen, ihre Leistung verbessern, ihre Karriere flexibler gestalten und Führungsqualitäten aufbauen – genau dann, wenn sie es brauchen.“

Greg Rose, Head of Growth beim Lernplattform-Anbieter Intellum: „Das Ziel besteht darin, ein motivierendes Lernerlebnis zu schaffen, und der Schlüssel zur Motivation ist die Personalisierung. Lernende, die sich in einer Lösung anmelden, die genau auf sie zugeschnitten scheint, fühlen sich den Inhalten, der Lernumgebung und der dahinterstehenden Marke stärker verbunden und entsprechend motivierter.“

Frage: Was sorgt für eine motivierende Lernerfahrung?

Rose: „Es gibt derzeit eine Annäherung zwischen formellen und informellen Inhalten, traditionellen und nicht-traditionellen Lernerfahrungen sowie zwischen den beruflichen und persönlichen Lernprozessen. Schulungsanbieter müssen traditionelle Elemente und Inhalte wie SCORM-Kurse und modernere Lernmöglichkeiten wie TED Talks und Blogartikel, die auch als Microlearning-Initiativen bezeichnet werden, miteinander kombinieren, aufeinander abstimmen, nachverfolgen und darüber berichten.

Die Lernenden sollten nicht nur auf erforderliche Inhalte verwiesen werden, sondern auch dazu angeregt, neue Inhalte zu entdecken, die sie wirklich interessant und nützlich finden: 89 Prozent der Angestellten glauben, dass sie selbst für ihr Lernen und ihre Entwicklung verantwortlich sind. Aktuell wird viel darüber geredet, wie man diese große Vielfalt an Inhalten über eine „Netflix-artige“ Lernoberfläche vermitteln könnte. Darin wären die Lernressourcen und -optionen in horizontal durchlaufenden Reihen gruppiert, die es Lernenden einfacher machen, zu finden und zu nutzen, was sie als wichtig empfinden. In diesem Punkt können wir nur zustimmen.“

Frage: Was ist eine Learning Experience Platform und wie wird sie zum Entstehen neuer Lernmodelle beitragen?

Kuikka: “Learning Experience Platforms nutzen Experience API, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, um Daten zu sammeln und vom Lernenden abhängige personalisierte Inhalte zu kuratieren, unabhängig davon, wo der oder die Betreffende sich gerade befindet.“

Findlay: Gute Plattformen verfügen über leistungsstarke Analysen, die umfangreiche Informationen über den Lernprozess Einzelner und den Gesamterfolg von Programmen liefern können. Die besten Plattformen finden sogar heraus, wo bei Einzelpersonen und in Unternehmen Wissenslücken bestehen.“

Guterman: „LXPs machen es ihren Nutzern bzw. Nutzerinnen einfach, Schulungsinhalte zu entdecken, zu nutzen und zusammenarbeiten. Man kann die unterschiedlichsten Arten von Inhalten aus internen und externen Quellen hinzufügen. Dabei darf man nicht vergessen, dass eine richtige Learning Experience Platform kein alleinstehendes System ist, das alles für einen tut. Man benötigt eine Reihe von Tools, Inhaltstypen und Methoden, um die Inhalte unters Volk zu bringen, in den meisten Fällen sind das wohl Cloud-Dienste.“

Frage: Woher kommen die Inhalte?

Rose: „Wie in so vielen Bereichen der Arbeit und des Lebens gibt es auch bei der Content-Frage keine Patentlösung. Heutzutage erwarten die Leute personalisiertere Lernumgebungen, in denen sie etwas entdecken können und die den Erfahrungen entsprechen, die sie in ihrer Freizeit mit anderen Marken machen. Schulungsanbieter müssen heute also mit einer Mischung aus modern und traditionell, formell und informell, entdeckendem und zielgerichtetem Lernen jonglieren und gleichzeitig ihre Zielgruppen motivieren und unterstützen. Es gibt bereits sehr gute Ressourcen (Degreed, Lynda.com, OpenSesame usw.), aber die meisten Schulungsanbieter haben erkannt, dass ihr breit gefächertes Lernpublikum (unterschiedliche Lernziele, Vorlieben verschiedener Generationen usw.) auch breitgefächerte und abwechslungsreiche Inhalte erfordert, einschließlich informeller Methoden und Microlearning-Initiativen.“

Frage: Worin unterscheidet sich eine Learning Experience Platform von einem LMS?

Guterman: „Die LMS der Vergangenheit konzentrierten sich hauptsächlich auf die Anforderungen des Personalmanagements und wurden geschaffen, um formale und compliancebezogene Schulungen zu verwalten. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal von Learning Experience Platforms ist ihr Fokus auf das Bereitstellen von effektiven Verwaltungs- und Management-Tools sowie der Möglichkeit, den ROI von Lern- und Schulungsinitiativen zu ermitteln. Unternehmen können Angestellten, Kunden und Partnern mithilfe von LMS und Learning Experience Platforms und deren modernen Mikro- und Makro-Methoden praktische Lerninhalte bereitstellen und diese gleichzeitig verwalten und nachverfolgen.“

Frage: Was sind die Vorteile einer Learning Experience Platform?

Findlay: „Learning Experience Platforms ermöglichen bereicherndere, interaktivere Inhalte, da sie nicht durch die strikten Protokolle beschränkt werden, die die meisten LMS einsetzen. Einige Plattformen können sogar zusätzlich zu einem LMS eingesetzt werden, sodass Unternehmen ihr aktuelles System nicht ersetzen müssen, sondern es einfach für bestimmte Projekte umgehen können.“

Frage: Worauf sollten Unternehmen bei einer Learning Experience Platform achten?

Kuikka: „Eine LXP sollte keine „Lernbibliothek“ und kein „Kursverzeichnis“ sein. Es geht um eine intelligente Methode, um Lernenden kontextabhängig gezielt Inhalte bereitzustellen. Dabei sollte man sich auch das soziale Lernen zunutze machen, indem man Lernerfahrungen mit anderen teilt, die dieselben Fertigkeiten erwerben möchten, ebenso wie das adaptive Lernen, bei dem man selbst entscheidet, auf welchem Weg man eine Fähigkeit erlernen möchte.“

O’Sullivan: „Unternehmen sollten bei der Wahl einer Learning Experience Platform sicherstellen, dass die Lösung das Lernen mit den Geschäftszielen verknüpft. Arbeitgeber wollen darauf vertrauen können, dass ihre Lernenden Zugriff auf gute, sorgfältig ausgewählte, breit gefächerte und tiefgehende Ressourcen haben, die die gewünschten Lernziele erreichen und die Lernenden befähigen, ein erstklassiges Unternehmen aufzubauen und zu unterhalten. Gleichzeitig wollen sie talentierte Köpfe anziehen, fördern und belohnen. Führungskräfte wollen sicherstellen, dass die Lernergebnisse dazu beitragen, fundierte Geschäftsstrategien zu entwickeln und den ROI zu steigern. Die Mitarbeiter selber wollen wissen, dass ihr Unternehmen ihnen sowohl Karrieremöglichkeiten bietet als auch die nötigen Schulungen, um diese zu ergreifen.“

Rose: „Das Learning Experience Management scheint alles abzudecken, von Content-Anbietern wie Degreed bis hin zu Nischen-Lösungsanbietern wie Edcast. Die Beliebtheit des Begriffs geht auf die Annahme zurück, Lernmanagement-Lösungen könnten kein modernes Lernerlebnis schaffen und Schulungsanbieter müssten ihre Strategien mit zusätzlichen Tools neben LMS aufpeppen. Das sehen wir anders. Was Schulungsanbieter brauchen, ist ein LMS, das ein modernes, motivierendes Lernerlebnis bietet und die allgegenwärtige Content-Frage löst, um somit die beiden oben genannten Probleme effektiv anzugehen. Schulungsanbieter brauchen keine ‚neue Art‘ Lerntool, sondern eines, das wirklich funktioniert.“

Nächste Schritte

Wer sich näher mit Learning Experience Platforms beschäftigen möchte, findet in unserer Liste von Lernmanagement-Software auch diverse Tools, die Funktionen für soziales Lernen, Blended Learning und Content Management bieten. Außerdem freuen wir uns, in den Kommentaren von den Softwaretipps und Erfahrungen unserer Leser zu hören!